Überschreibungen

Texte aus dem Kanon der Klassik, Romantik und Moderne, geschrieben auf die Seiten des von Danuta Czech herausgegebenen "Kalendariums der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-45"

(insgesamt 1900 Blätter, DinA3)

Wie ein Teppich mit zwei glatten Kanten und zwei offenen Enden legt sich die spätere Handschrift über die Buchstaben der Sabon Linotron des Kalendariums. Strengt man seine Augen an, dann ist der erste Text insofern lesbar, als Buchstabe für Buchstabe herausgearbeitet werden kann. Die Handschrift wäre zu entziffern, wären da nicht die Buchstaben des Textes darunter. Es ist ein "Codex rescriptus" besonderer Art, denn der handschriftliche Text ist älter als die Ereignisse der Chronik, seine Niederschrift ist jünger. Klaus Steinke hat alle die alten poetischen Texte gelesen - kulturell ist die Poesie älter als das Dokumentierte. Mehr als ein Jahr nach dem Ende des Mordlagers Auschwitz erhielt der Zehnjährige sein erstes Buch, den "Simplicius Simplicissimus". Fast 50 Jahre später begann er seine poetischen Erfahrungen mit dem Wissen um die deutschen Verbrechen zu konfrontieren. Auf Grimmelshausens Kriegsroman folgten Karl May "Winnetou I", Chamisso "Peter Schlemihl", Storm "Pole Poppenspäler", Droste-Hühlshoff "Die Judenbuche", Raabe "Holunderblüte", Kleist "Michael Kohlhaas", Eichendorff "Taugenichts", Novalis "Heinrich von Ofterdingen", Goethe "Die Leiden des jungen Werther", Stifter "Bunte Steine", Nietzsche "Zarathustra", Hölderlin "Hyperion", Büchner "Lenz", Keller "Romeo und Julia a.d.D.", Hesse "Steppenwolf", Mann "Tonio Kröger", Kafka "Das Schloss", Musil "Der Mann ohne Eigenschaften". Bis auf die zwei letzten Titel wurden die meisten dieser Dichtungen in der Schule gelesen, sie gehören zum Kanon deutscher Bildung, sind deswegen von alters her als Reclamhefte greifbar...

Steinkes Kunst ist erfüllt von der Helligkeit der Aufklärung. Es gibt Kunstwerke, die verzaubern einen sofort, man weiß nicht wie einem geschieht. Die "Überschreibungen" leben von der Schönheit der Klugheit. Der Teppich, der sich über das Auschwitz-Kalendarium legt, besteht aus lesbaren Buchstaben, sie bilden eine Textur, die die deutschen Verbrechen auszulöschen scheint, aber das macht den poetischen Text unlesbar. Wen dieses Puzzle aus handgeschriebenen und gedruckten Buchstaben nicht fasziniert -wer etwa feststellt seinen Karl May oder Goethe könne er einfacher lesen, der lässt sich besser auf das Abenteuer der intelligenten Kunst nicht ein. Der Prozess einer aufwendigen Produktion muss sich dem arbeitenden Auge in seinem sinnlichen Niederschlag als Forderung anbieten. Es ist ein Angebot auf Fährtensuche zu gehen, auf Spuren zweier sehr unterschiedlicher Ereignisse, einem poetischen und einem mimetischen, einem erfundenen und einem berichteten. Es gilt das Spannungsverhältnis von Kunst und Dokumentation auszuloten... Steinke bringt Texte, die einfach zugänglich sind, in die Latenz des im kollektiven Gedächtnis gespeicherten. Ein erinnernder Zugriff kann Klarheit bringen, scheinbare Klarheit. Doch immer wieder verliert sich Erinnerungsarbeit -wie auch, um etwas Vergleichbares zu nennen:

Traumarbeit - im Gespinst von Zufällen, die wir durch gegenwärtige Setzungen in Klarheit zu verwandeln suchen. Eine solche Arbeit ist, das zeigen die "Überschreibungen", keine Willkür -sie hat mit harten Fakten zu tun, die uns jedoch immer wieder zu entgleiten drohen. Der Gewinn der künstlerischen Methode "Palimpsest als Kunstwerk" besteht in der Herausforderung durch die Mehrdeutigkeit der Überlagerung. Damit ist nicht gesagt, dass die Überlieferung mehrdeutig ist, sie ist lediglich in mehrdeutiger Form auf uns gekommen... Hinge man alle Arbeiten in einem Saal an die Wände, so könnten die, die glauben, es gäbe eine kollektive deutsche Identität, darauf verweisen, hier sei sie zur Ansicht gestellt. Wer mit solchen Modellen lieber nicht hantiert, könnte in den Arbeiten Steinkes ein Netzwerk des Erinnerns entdecken, in das wir uns -wir alle ?- unlösbar verfangen könnten.

(Detlef Hoffmann, aus: "Codices rescripti" - Zur künstlerischen Methode von Klaus Steinkes "Überschreibungen", 2002)

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Sämtliche "Überschreibungen" als Schenkung an die Arbeitsstelle Holocaust-Literatur und Universitätsbibliothek der Justus-Liebig-Universität Gießen im Juni 2018.